Donnerstag, 21. Juli 2016

Unerzogen vs Erzogen - ein neues Minenfeld?

Seit einiger Zeit tauchen in meiner Filterbubble immer mehr Artikel zum Thema unerzogene Lebensweise auf. Ich freue mich über die meisten, sehe sie als Anregung, grenze mich eventuell davon ab oder nehme neue Impulse auf. Manchmal wird auch ein Thema, das ich schon oft durchdacht habe noch mal ganz anders beschrieben, so dass ich meine Gedanken dazu neu ordnen kann.

Die Reaktion auf diese Artikel ist aber bei weitem nicht nur positiv. Einige Bloggerinnen bekommen einen richtigen Shitstorm ab und werden richtig aggressiv angegangen. Wieder ein Mommywar? Ein neues Themenfeld, dass Eltern gegeneinander aufbringt?

Dogmatismus hilft keinem!


Erst konnte ich nicht verstehen, warum sich scheinbar sehr viele Leser von diesen Texten so angegriffen fühlen. Ich kenne einige der Autorinnen aus Facebookgruppen als "alte unerzogen-Hasen", die mir schon oft weitergeholfen haben. Aber bei einem zweiten Lesedurchgang, mit sensibilisierter Wahrnehmung, fand ich es offensichtlich. Die Texte sind oft in einem bestimmten Wording geschrieben. Da wird Gewalt im Sinne von Rosenberg benutzt und Erziehung in der Definition nach K.R.Ä.T.Z.A. Es sind viele Formulierungen darin, die von Lesern, die sich nicht schon ausführlich mit der Thematik befasst haben, leicht falsch verstanden werden können.



































In einzelnen Fällen liegt das Missverstehen eventuell auch am geschriebenen Wort, bei dem Mimik und Stimme fehlen, um Inhalte zu transportieren. In Bloggerkreisen kommt dann noch hinzu, dass ich dem einen oder der anderen Clickbaiting unterstelle. Je krasser formuliert und je härter die Lager, desto lauter die Reaktion und desto mehr Leser kommen vorbei.

Es ist denn auch so, dass manche Texte wirklich sehr krass formuliert sind. Sie führen nicht an das Thema heran, sondern stellen die Gedanken der Autorinnen als Fakten dar. Zumindest kann das so gelesen werden. Soll das mit Absicht provozieren? Ich weiß es nicht, aber es provoziert. Ich bin darüber sehr unglücklich, sogar verärgert, da dieser (scheinbare) Dogmatismus nur abschreckt und Lager verfestigt. Das hilft mal so gar keinem.


Diskussionen, die treffen.


Wir alle lesen Artikel, nicken, lachen, weinen, ärgern uns oder werden eventuell richtig wütend. Letzteres vor allem dann, wenn wir uns angegriffen fühlen oder wenn jemand in unseren Augen offensichtlichen Quatsch als Tatsachen hinstellt. 
Naja, ob es Quatsch ist, ist wohl auch eher mein Empfinden, denn der Autor hält seinen Text sicher nicht für Quatsch und hat sich vielleicht lange und ausführlich mit dem Thema befasst, verschiedene Quellen hinzugezogen und dann einen (nicht wissenschaftlichen) Blogpost verfasst, in dem er seine Gedanken schildert. Ich selbst will auch nicht nur Artikel lesen, bei denen keine Meinung erkennbar ist. Wenn ich Fakten kenne, die dem Text entgegen stehen, kann ich diese sogar mitteilen, in Dialog gehen. Aber stattdessen bin ich aufgebracht. Warum?

To put it where it hurts


Im Englischen bedeutet das, dass wir dazu neigen, Dinge, die wir hören oder lesen, mit den Erfahrungen in Verbindung zu bringen, die uns sehr verletzt haben. Ich selbst finde meinen Weg als Mutter, hin zu unerzogen, sehr schwierig. Ich bin noch immer oft verunsichert und habe akzeptiert, dass ich wohl nie ganz sicher sein werde. Hinzu kommen Verletzungen aus meiner Kindheit, meine Ängste und Emotionen, die mein limbisches System gespeichert hat und die sehr schnell hochkochen. 

Ein Beispiel: Einer der Texte behauptet (recht plakativ) Erziehung sei Gewalt. Klar, das ist harter Tobak. Denn, wenn ich selbst geschlagen wurde, also "echte" Gewalt erfahren habe und heute meine Kinder in meinen Augen liebevoll erziehe, dann will ich da nicht als gewalttätig bezeichnet werden! Genau das bin ich ja nicht! 
Oder jemand erzieht ganz bewusst, weil seine Eltern sich nie genug gekümmert haben. Und jetzt soll genau das gut gewesen sein? Nein, sicher nicht. Beziehung ist wichtig. Generell kenne ich kaum jemanden, der sich mehr Kopf um sein Familienleben macht und sich mehr mit seinen Kindern auseinandersetzt als mich selbst und andere unerzogene Familien. Also klar, dass diese Aussage als Angriff verstanden wird.

ABER: Schauen wir uns die Begriffe an wie sie in unerzogenen Kreisen genutzt werden.

Erziehung nach K.R.Ä.T.Z.A.


Erziehung ist eine planmäßige (absichtliche) und zielgerichtete Tätigkeit zur Formung meist junger Menschen. Erziehung findet also nicht bei jeder Kommunikation, bei jeder Beeinflussung, statt, sondern nur, wenn sich einer über den anderen erhebt und meint, ihn zu einem Ziel (hiner)ziehen zu dürfen oder zu müssen. Es gibt bei Erziehung immer ein Erziehungssubjekt und ein Erziehungsobjekt, den Ziehenden und den Gezogenen, den Erzieher und den Zögling, ein Oben und ein Unten. Der Erzieher stellt Ge- und Verbote auf, sorgt für deren Einhaltung und versucht, daß das Kind in der entsprechenden Zeit zu den gesteckten Zielen gelangt.
(Weitere Ausführungen findet ihr unter http://kraetzae.de/erziehung/)

Gewalt nach Rosenberg 


Den Begriff der Gewaltfreiheit nutzt Rosenberg im „Sinne von Gandhi: Er [Gandhi] meint damit unser einfühlendes Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unseren Herzen nachlässt. Wir betrachten unsere Art zu sprechen vielleicht nicht als gewalttätig, dennoch führen unsere Worte oft zu Verletzung und Leid – bei uns selbst und anderen.“ 

Ich finde, mit diesen Definitionen liest sich der Satz völlig anders und greift mich auch nicht mehr an. Rosenberg selbst fand den Begriff gewaltfreie Kommunikation übrigens später nicht mehr so gut. Er sprach lieber von „Wertschätzender Kommunikation“ oder „Lebensfördernder Kommunikation”, denn es geht darum, die Lebendigkeit unserer Beziehungen zu stärken und damit unsere Lebensqualität zu verbessern.

Und nun?


Was mache ich mit meinen Gedanken dazu? Am liebsten würde ich ja alle Lager auflösen, den Dialog fördern und versuchen, konstruktiv mit Elternthemen umzugehen. Gerne würde ich grundsätzlich annehmen, dass mein Gegenüber seine Kinder liebt und sie liebevoll behandelt, erzogen oder unerzogen. Ich will nämlich auch andere Eltern nicht erziehen.
Manchmal wünsche ich mir eine Blogger-Talkrunde, in der solche Themen gut moderiert beleuchtet werden. Sollte ich einen Podcast starten?

Rangeln nach Regeln.


So hieß mal ein Kurs für 4-6 Jährige, bei dem Kinder lernen konnten, zu kämpfen ohne zu verletzten. Ob wir Eltern so einen Kurs auch mal besuchen sollten? Denn nicht jede Diskussion ist ein Mommy War. Fast immer sind es schlicht und einfach Diskussionen um sehr emotionale Themen, zu denen sich jeder seine Gedanken gemacht hat. Gedanken, keine Fakten. Jeder kommt aufgrund seiner Erfahrungen und der ihm vorliegenden Informationen zu unterschiedlichen Schlüssen. Und das ist ok, solange dabei niemand zu Schaden kommt. 

Uh, die nächste Schwierigkeit. Nur wer legt fest, was ein Schaden ist? 
Bin ich geschädigt, weil ich einfach im Kindergarten abgegeben wurde ohne Eingewöhnung? Weil ich bestraft wurde, wenn ich Fehler gemacht habe? Hat es mir geschadet, dass ich allein in meinem Zimmer (naja, mit meinem Bruder) schlief? 

Ich denke zum Beispiel durchaus, dass Ferbern Gewalt ist und wünschte, das bliebe Kindern erspart. Ich denke auch, dass Liebe empfinden und liebevoll handeln zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder lieben und ihnen doch schaden. Wann ist es ok, mich einzumischen und wann sollte ich mich raushalten, weil es mich nichts angeht? Es ist einfach schwierig.

Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Wertschätzung und Anerkennung für alle, die sich so viel Mühe geben, gute Eltern zu sein. Ich wünsche mir, dass wir bei jeden Text, den wir lesen davon ausgehen, dass der/die Autor/in etwas Gutes im Sinn hatte. Oder dass wir Texte, die wir schlecht finden einfach ignorieren. Und ich wünsche mir Dialog statt Krieg.

Eure Julia aus der guten Kinderstube


Kommentare:

  1. Danke für diesen Artikel! Bin auch für weniger Dogmatismus und mehr Miteinander (in Beziehung treten)!

    Leben und leben lassen, nicht wahr :)

    AntwortenLöschen
  2. Yippieh! Sehr schön. Nachdenklich und sehr positiv. Danke!
    Truddel

    AntwortenLöschen
  3. Super Artikel!
    Ich bin auch sehr interessiert an "unerzogen" und habe mir schon so manches durchgelesen und auch zu Herzen genommen.
    Jedoch finde ich es auch kritisch, den Begriff "Erziehung" so negativ zu betrachten. Ich selbst habe den Beruf Erzieherin gelernt und der heißt dann auch tatsächlich "staatlich anerkannte Erzieherin". Und ich habe nichts von dem, was Erziehung nach KRÄTZA ist, in meiner Ausbildung gelernt. Im Gegenteil. Ich hatte in den zwei wichtigsten Fächern (Psychologie und Pädagogik) ganz einfühlsame, liebevolle Lehrerinnen, die mich, damals noch kinderlos, haben wundern lassen, wenn sie lehrten, ein Kind, welches "bockt" zunächst einmal tröstend in den Arm zu nehmen. Ich hab echt gedacht, die spinnen. Heute mit zwei eigenen Kindern und vielem Lesen entsprechender Lektüre/Artikeln/Interviews weiß ich, dass es darum geht, Bedürfnisse zu erkennen und dem Kind mit Verständnis für seine Situation zu begegnen.
    Unerzogen sagt ja auch aus, Grenzen müssen nicht gesetzt werden, es gibt Grenzen. Finde ich total schwierig. Woher weiß ich denn, welche Grenzen nun quasi "naturbedingt" sind und welche ich künstlich setze. Sind meine eigenen Grenzen angemessen oder nicht?
    Beziehung statt Erziehung - wie soll das bei einem Kind unter 3 klappen?
    Ich denke, Vorleben, begleiten, authentisch und emphatisch sein, natürliche Grenzen aufzeigen, eigene Grenzen setzen, viel Beziehung leben, all das gehört zu gesunder und liebevoller Erziehung dazu. Und das darf man dann auch so nennen: Erziehung. Finde ich!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für Deinen Kommentar! Klar, darf man das so nennen, aber ich denke, es ist wichtig für den Austausch/die Diskussion, dass man sich darüber klar ist, wer mit welchem Begriff was meint. Und auch nach offizieller Definition (Wiki) ist Erziehung eben nichts für mich. Denn es steckt eben darin, dass ich bewerte und das Kind dann in irgendeiner Art forme. Das will ich aber definitiv nicht.

      Mir ist klar, dass wir aneinander lernen, wir uns entwickeln und beeinflussen, aber ich mache das möglichst ohne Vorsatz. Jeder hat seine Bedürfnisse und wir finden nach unseren Möglichkeiten Lösungen, um diese zu befriedigen. Das ist manchmal schwer, manchmal gelingt es einfach nicht. Dann trösten und begleiten wir uns. Aber oft "funktioniert" es gut.

      Ich habe aber auch immer Phasen, vor allem wenn ich müde bin und dringend Schlaf/Ruhe brauche oder mich arg fremdbestimmt fühle, in denen ich denke, dass ich doch lieber klare Ansagen machen will. Logo, ich will dann meine Bedürfnisse erfüllen - ohne Rücksicht, weil es einfacher ist. Aber es finden sich meist Lösungen, die gleichwürdig sind, bei denen ich nicht einfach bestimme, weil ich kann, weil ich mehr Macht habe. Denn klar, die haben wir Eltern und auch mehr Erfahrung. Aber wie damit umgehen?
      Es ist und bleibt spannend.
      Liebe Grüße!

      Löschen

Hier dürft ihr mir gerne schreiben!