Donnerstag, 20. November 2014

Bedürfnisorientiertes Familienleben: fünfter Teil

Eltern werden, Paar bleiben

Kindern kann es immer nur so gut in der Familie gehen, wie es den Eltern miteinander geht und jedem Elternteil für sich. Jesper Juul

Ich höre immer wieder von Kinderlosen und werdenden Eltern, dass sich nach der Geburt eines Kindes nicht zu viel ändern sollte. Das Kind sollte am Besten nebenher mitlaufen und sich an das Leben der Eltern anpassen. Die wiederum sollten ihr eigenes Leben nicht vergessen, nur weil ein Kind da ist. Und so wurde ich recht schnell gefragt, ob wir schon einen Babysitter und eine feste Datenight haben, damit wir auch Paar bleiben und nicht nur Mama und Papa sind. Andere fragten mich, ob ich nicht mal abends „was trinken gehen“ wollte und fanden es geradezu befremdlich, dass ich daran so gar kein Interesse hatte.

Im Prinzip kann ich das nachvollziehen, denn es geht darum, sich selbst nicht zu verlieren und auch die Partnerschaft weiter wichtig zu nehmen und sie nicht soweit zu vernachlässigen, dass sie Schaden nimmt. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass dahinter bei manchen auch eine große Angst steckt. Die Angst, zu kurz zu kommen, vom Partner übervorteilt zu werden und vielleicht die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren? Und diese Angst hält den einen oder die andere vielleicht davon ab, sich auf das neue Leben, nämlich das als Eltern, als Familie wirklich einzulassen und es auch zu genießen. Manche scheinen so damit beschäftigt zu sein, ihren Freiraum schnellstmöglich wiederzuerlangen und gewohnte Aktivitäten wieder aufzunehmen, dass sie gar nicht spüren können wie wunderschön es mit einem Baby (und Kind) sein kann, wenn man das Tempo, die Ansprüche und sich selbst eine zeitlang zurücknimmt.

In unserem ganzen Leben zusammen sind die Babyjahre unserer Kinder nur ein kurzer Moment.
Für meinen Mann und mich war klar, dass die erste Zeit mit unserem Kind nicht die Zeit in unserer Beziehung sein würde, in der es vorrangig um uns als Paar geht. Darüber haben wir auch gesprochen und uns damit den Druck genommen, finde ich. Wir hatten mehr als sechs Jahre Zeit für uns, Zeit verliebt zu sein, uns kennenzulernen, im Alltag miteinander auszukommen und aus Verliebtheit Liebe werden zu lassen. Dieser tiefen Liebe entspringt unsere Tochter. Und diese Liebe trägt uns als Paar weiter, auch wenn wir für einige Zeit nicht allein ausgehen und kein Kino von innen sehen.

Viel wichtiger als das war für uns, Zeit zu haben, um Mutter und Vater zu werden und um als Eltern zu funktionieren. Wir mussten unseren Rhythmus, unseren Weg für unsere Familie finden und uns dazu mit sehr vielen unterschiedlichen Themen auseinandersetzen. Wir mussten lernen, mit der riesigen Verantwortung umzugehen und zu vertrauen, in uns und unser Kind. Das alles, gepaart mit einer großen Portion Schlafmangel, kostete Zeit und Energie und führte sicher auch zu manch unnötiger Streiterei.

Um wieder Kraft zu tanken, haben wir uns deshalb gegenseitig Freiräume für „Just-for-me-moments“, wie Mama Miez sie nennt, geschaffen. Wir haben darauf geachtet, uns immer wieder wohlwollend zu begegnen, mitfühlend miteinander zu sprechen und den jeweils anderen für das was er tut wertzuschätzen. Wir haben alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam getroffen, egal ob es ums Stillen oder das Familienbett, das Loben oder den Umgang mit Konflikten ging.
Dass wir diesen Weg gemeinsam so gegangen sind, schweißt uns zusammen. Wir sehen unsere Tochter an, unser Wunder, und sind glücklich. Und sie scheint es auch zu sein. Wir haben also nicht unsere Bedürfnisse unterdrückt und uns nur nach unserer Tochter gerichtet, sondern Prioritäten gesetzt, die uns wichtig waren. Ich frage mich auch, ob wir nicht viele Chancen, uns als Personen  und Paar weiterzuentwickeln, verpasst hätten, wenn wir uns zu sehr darum bemüht hätten, dass möglichst viel so bleibt wie es vorher war.

Eure Julia aus der guten Kinderstube




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