Donnerstag, 13. November 2014

Bedürfnisorientiertes Familienleben: vierter Teil

Meine Zwischenbilanz

In den Kindern erlebt man sein ganzes eigenes Leben noch einmal, und erst jetzt versteht man es ganz.
Søren Aabye Kierkegaard
Obwohl ich schon immer ein Mensch war, der versucht, sich selbst zu hinterfragen, habe ich, seit  meine Tochter auf der Welt ist, mehr über mich selbst gelernt als in den zehn Jahren davor. Sie inspiriert mich immer wieder neu dazu, Bestehendes zu überdenken, mich und mein Verhalten zu reflektieren und unseren gemeinsamen Weg bewusst zu gestalten. Sie motiviert mich, Bücher zu lesen, neue Gedanken zuzulassen und meine eigenen Erfahrungen neu zu bewerten.

Das bedürfnisorientierte Zusammenleben stellt mich täglich vor die verschiedensten Herausforderungen. Die größte davon ist wohl, nicht einfach aus dem Bauch heraus zu handeln. Denn eigentlich war das vorher immer mein Idealbild einer Mutter: nicht zu pädagogisch wertvoll, nicht zu verunsichert, "einfach" intuitiv und ganz pragmatisch. Doch dann stellte ich fest, dass ich "aus dem Bauch heraus" ganz anders reagiere als ich es mir wünsche. Was konnte ich also tun?

Ich konnte und kann an mir arbeiten und genau dafür habe ich mich entschieden. Und ich kann nur feststellen: Es lohnt sich!

Meine zehn wichtigsten Erkenntnisse bisher sind:


  • Meine Tochter ist eine vollwertige Person, die nicht von mir erzogen und gut gemacht werden muss. Sie ist gut. 
Solch ein Chaos hätte ich früher verhindert.
  • Ich muss nicht perfekt sein. Weder muss mein Haus immer sauber und ordentlich sein, noch muss ich immer alle Punkte auf meiner To-Do-Liste abhaken. Ich muss nicht immer ruhig, nett und beherrscht sein, solange ich bei mir bleibe und die Integrität meiner Mitmenschen wahre. Ich darf Fehler machen und mich entschuldigen - auch und gerade bei meinem Tochterkind.
  • Alle Emotionen sind erlaubt und haben ihre Wichtigkeit im Leben, auch die vermeintlich schlechten, wie z. B. Aggressionen. 
  • Was andere, fremde Menschen über mich denken, ist mir nicht völlig egal, aber es wird mir immer gleichgültiger. Ich ziehe mir den lila Hut immer öfter auf.
  • Das was Man macht, müssen wir nicht machen. Können wir aber, wenn wir es gut finden.
  • Ich darf meine Meinung ändern, im Großen wie im Kleinen. Ich darf mich verändern und entwickeln. Früher dachte ich beispielsweise, dass es wichtig sei, konsequent zu sein, also Regeln immer durchzusetzen. Heute denke ich, dass es viel wichtiger ist, in Beziehung zu gehen, emphatisch zu sein und eine gute Lösung für die Situation zu finden, so dass alle Beteiligten ihre Integrität wahren. 
  • Worte haben Macht und können auch eine Art von Gewalt sein. Allerdings ist der Weg zur gewaltfreien Kommunikation gar nicht so einfach. Ich bin dran.
  • Ein wertschätzender Umgang mit dem Kind setzt voraus, dass ich ebenso wertschätzend mit mir selbst und anderen Menschen umgehe. Denn das, was ich meinem Kind vorlebe ist noch viel wichtiger als das, was ich sage. 
  • Konflikte gehören zu jeder Beziehung, denn Wärme entsteht nicht nur beim Kuscheln, sondern auch bei Reibereien. Und eine aufgesetzt, unehrliche Harmonie ist eben keine.
  • Meine Eltern haben sehr viel richtig gemacht und vor allem haben sie mir gezeigt, was Liebe ist. Dafür bin ich dankbar. Und auch wenn ich jetzt viele Dinge anders mache, finde ich, dass sie es zu ihrer Zeit, mit ihren Möglichkeiten einfach gut gemacht haben.
Und je mehr ich lerne, desto öfter reagiere ich auch wieder aus dem Bauch heraus - aus meinem neuen Bauch, dem runden, dem mit der Narbe und den Schwangerschaftsstreifen, dem, in dem mein Kind gewachsen ist.

Eure Julia aus der guten Kinderstube








Kommentare:

  1. Hallo. Ich bin das erste Mal hier und dein Post hat mich gleich in den Bann gezogen. Viele Gedanken, die man selber in sich trägt, neue Gedanken, die einen zum Andenken anregen. Toll!
    Sehr schön geschrieben. Danke schön für den Input. Das wollte ich einfach nur mal loswerden.
    Gleich mal deine Seite speichern. :-)
    Liebe Grüße, Mari

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  2. Danke liebe Mari! Ich freue mich über Deinen Besuch und Deinen Kommentar. Fühl Dich in der guten Kinderstube wie zuhause.
    Liebe Grüße Julia

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