Donnerstag, 6. November 2014

Bedürfnisorientiertes Familienleben: dritter Teil

Konflikte


Hallo, meine Name ist Julia und ich bin harmoniebedürftig. So, jetzt ist es raus!
Ich gebe zu, bisher habe ich Konflikte oft und gerne gemieden. Nicht mit Fremden, aber mit den Menschen, die mir nah und wichtig sind. Schließlich gibt es da so viel zu verlieren, eine Erfahrung, die ich leider schon schmerzhaft machen musste. Doch je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto klarer wird, dass echte Nähe und Harmonie ohne das ehrliche Austragen von Konflikten gar nicht möglich ist. Die Angst vor den Konsequenzen darf uns nicht davon abhalten, authentisch, ehrlich und  eben auch unterschiedlicher Meinung zu sein.

Wann immer Menschen miteinander umgehen, treffen verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Sind diese auf wundersame Weise im Einklang, fühlen wir uns wohl und empfinden Harmonie, alles ist im Fluss. Auch unterschiedliche Bedürfnisse, die sich gegenseitig nicht beeinflussen, also parallel erfüllbar sind, stellen kein Hindernis dar. Schließlich kann einer Hunger haben und essen, während der andere satt ist und nichts isst. Sind zwei Bedürfnisse allerdings nicht so einfach zu vereinbaren ist er da: der Konflikt. Kommt dann noch Zeitmangel, Schlafentzug und Stress hinzu, entsteht manchmal eine explosive Mischung.
Vergegenwärtigt man sich das, so ist die Tatsache, dass es in einer Familie täglich dutzende von kleinen und größeren Konflikten gibt ganz logisch und gar nicht beängstigend. Die entscheidende Frage ist, wie man mit den Konflikten umgeht. Duckt man sich weg, um des lieben Friedens Willen? Oder stürmt man in die Konfrontation? Spricht man ruhig und sachlich bis man einen Kompromiss gefunden hat? Wie geht man mit der entstehenden Aggression um? Und was tun, wenn man keinen gescheiten Kompromiss findet?

Tatsächlich lebten mein Mann und ich rund sechseinhalb Jahre sehr harmonisch. Streit gab es nur sehr selten und angezickt haben wir uns nie. Dies änderte sich mit der Geburt unserer Tochter im September 2012. Unser Rhythmus war unterbrochen, wir mussten uns neu aufeinander und die Situation einstellen. Immerhin war ich zuvor Vollzeitarbeitnehmerin gewesen und nun mit Baby zuhause, während mein Mann erst seine Abschlussprüfung und Magisterarbeit hinter sich brachte und dann voll arbeiten ging. Der totale Rollentausch also. Der vom Stillen unterbrochene Schlaf machte vor allem mich zusätzlich reizbar.

Glücklicher Weise maßen wir den kleinen Alltagsstreitereien nur wenig Bedeutung bei, da uns die Gründe offensichtlich waren. Bei anderen Konflikten waren wir aber durchaus überfordert und als unsere Tochter älter wurde und das Thema Aggression und Konflikte auch bei ihr präsent wurde, war mir klar: Da muss ich noch eine Menge lernen! Ich bin noch auf dem Weg dahin, aber die folgenden Punkte versuche ich bereits umzusetzen:

Emotionen annehmen


Ich bemühe mich zuallererst mal, die Emotionen nicht zu unterdrücken: nicht meine, nicht die der Anderen. Das geschieht nämlich viel öfter als es mir vorher bewusst war. Emotionen sind in unserer Gesellschaft nicht besonders beliebt. Gerade Kinder sollen nicht "rumheulen", aggressiv, jähzornig, nölig oder "aufmüpfig" sein. Dafür wird so wenig Verständnis aufgebracht, dass es sogar bei vielen Eltern verpönt ist, das Kind in diesen Momenten zu trösten. Wir fordern von Kindern Frustrationstoleranz während wir Erwachsenen selbst meist keinen Weg erlernt haben, mit unserem Frust und unserer Aggression sinnvoll umzugehen.

Grenzen spüren


Ein weiterer Schritt im Umgang mit Konflikten ist, die eigenen Grenzen zu spüren und sie auch zeigen zu dürfen und zu können. Wenn nämlich klar ist, dass jeder seine Grenzen hat und haben darf, muss man diese gar nicht so aggressiv verteidigen, wie das vorher vielleicht unbewusst der Fall war.

Bedürfnisse erkennen und erfüllen


Wir alle haben wichtige Bedürfnisse wie beispielsweise Ruhe, Nähe, Anerkennung und Selbstbestimmung, aber auch Hunger, Durst oder Müdigkeit. Nicht immer erkennen wir selbst, welches unserer Bedürfnisse gerade nicht erfüllt ist und weswegen wir unzufrieden, aggressiv, gereizt oder traurig sind. Bedürfnisorientiertes Familienleben bedeutet aber, dass wir uns anstrengen, diesen Bedürfnissen nachzuspüren, unseren eigenen und denen unserer Kinder. Nur dann können wir entscheiden, welche Bedürfnisbefriedigung gerade Vorrang hat und wie wir einen Konflikt lösen.

Gerade Eltern wollen und müssen ihre Bedürfnisse oft hintanstellen. Schließlich kann ein Baby das noch nicht und auch Kleinkinder lernen es erst nach und nach. Trotzdem ist es meiner Meinung nach enorm wichtig, dass wir, wenn unsere Kinder dem Babyalter entwachsen sind, anfangen, uns auch wieder wahrzunehmen und eigene Bedürfnisse zumindest teilweise zu erfüllen. Donald Winnicott prägte dafür den Begriff der ausreichend guten Mutter.
Klar wäge ich als Mama immer wieder meine Bedürfnisse gleichwertig gegen die meine Tochter ab und ja: Ich stecke oft zurück. Aber immer öfter eben auch nicht. Denn ich finde es wichtig, authentisch zu sein und glaube, dass ich meiner Tochter damit einen Gefallen tue, wenn ich auf mich achte und sie nicht zur "Schuldigen" an meiner Situation mache. Damit übernehme ich die "Führung, die Verantwortung.

Wie läuft der Konflikt also bei uns ab?



  1. Ich gestehe mir meine emotionale Reaktion zu, d. h. ich tue nicht so als wäre alles in Ordnung, wenn es das nicht ist. Es kommt auch vor, dass ich laut werde, ich übe aber, dabei nur über mich zu sprechen und mein Gegenüber nicht zu beschuldigen.
  2. Ich gestehe auch meinem Gegenüber seine Emotionen zu. Auch wenn ich es vielleicht nicht angenehm finde, wenn meine Tochter in der Öffentlichkeit laut losheult.
  3. Ich atme tief durch und spüre in mich hinein, frage mich, was hat mich so aufgebracht, was brauche ich eigentlich gerade? 
  4. Ich überlege, was mein Gegenüber wohl gerade braucht, welches Bedürfnis nicht erfüllt ist und verbalisiere das auch. An der Reaktion kann ich dann oft sehen, ob ich richtig liege. Ich biete Trost an.
  5. Ich überlege, wie ich die Situation lösen kann. Wenn mein Bedürfnis (z. B. nach Ruhe) dabei auf der Strecke bleibt, sorge ich dafür, dass ich es in naher Zukunft erfüllen kann und plane eine Auszeit für mich ein.


Das alles klappt noch nicht immer reibungslos, aber ich werde darin besser. Ich lese seit einiger Zeit  die Bücher von Marshall B. Rosenberg zur Gewaltfreien Kommunikation und kann sie sehr empfehlen. Mein Traum wäre es, meiner Tochter schon beizubringen, was ich erst durch sie lernen darf: Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Eure Julia aus der guten Kinderstube









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